Komfortkreis vs. Schlafhygiene

Im Hamsterrad der Dyssomnie

Schätzungsweise 20-25% der Deutschen leiden unter Schlafstörungen. Eine Zahl, die für potenzielle Therapieanbieter wirtschaftlich durchaus interessant sein sollte.

Stichprobenartige Anfragen in Social-Media-Foren zu Behandlungwegen und –erfolgen von ärztlichen Behandlungskonzepten ergaben: Mehr als der gängige Ablauf „Fragebogen – Schlaflabor – Entspannungsempfehlung – Medikamente“ wurde kaum von ärztlicher Seite angeboten. Wen wundert es also, dass in einschlägigen Foren Informationen über halblegale Alternativmedikationen ausgetauscht werden. Äußerungen wie „Ist mir egal was drin ist, Hauptsache es haut mich weg, damit ich wenigsten einmal schlafen kann“ sind unter den Usern besagter Foren keine Seltenheit. Auch der ständige Wechsel der Ärzte (Ärzte-Hopping), um an die sogenannten „Benzos“ zu kommen, gilt heute schon als salonfähiges Beschaffungskonzept. Überhaupt scheinen sich Schlafgestörte ein pharmakologisches Wissen angeeignet zu haben, die so manchen Apotheker erblassen lassen würden. Wirkungen, Nebenwirkungen sowie Kontraindikationen und Dosierungsrichtlinien von Alprazolam, Bromazepam, Brotizolam, Chlordiazepoxid, Diazepam oder Dikaliumclorazepat bilden überlebenswichtiges Fachwissen für an Insomnie leidenen Menschen.

Aufgehorcht habe ich jedoch als sich während eines Gesprächs mit Klienten Tryptophan bzw. Melationin, serotonerger Regelkreis oder ciracdiane Sekretionsverhalten als gängige Begrifflichkeiten darstellten und diese Fachterminologie ohne komplexe Erklärungen in die Beratungsgespräche mit einbezogen werden konnten. Wie anfangs angedeutet, stellen derart „aufgeklärte„ Klienten eher die Minderheit dar.

Ich sehe es als sehr bedenklich wenn sich Menschen mit Schlafstörungen eher halblegalen Alternativen der meist selbst verordneten Schlaftherapien hinzugeben, als nach medizinisch verantwortbaren Wegen der Schlafförderung zu suchen. Lösungsansätze, die beispielsweise im Zusammenhang mit Elektrosmog stehen werden vorschnell als profane Esoterik abgetan. Weiterhin dürfte ein gewisser Luxusgedanke dafür verantwortlich sein, dass halt doch ein Fernsehgerät ins Schlafzimmer platziert oder bis spät in die Nacht am Handy gezockt wird bzw. sich die Nutzung des Schlafzimmers nicht auf Sex oder Schlafen beschränkt. Beruhigende Schlafrituale vor dem Schlafengehen werden aus Zeitgründen wegrationalisiert oder durch eine Stunde Crosstrainer ersetzt.

Dem offensichtlich unvernünftigen Verhalten vieler Menschen bezüglich der eigenen Schlafhygiene ist in der ICSC (International Classification of Sleep Disorders) unter Punkt 1.6. ein eigenes Kapitel gewidmet, – die „Inadäquate Schlafhygiene“. Darin heißt es mitunter zum möglichen Ursprung von Schlafstörungen:“… die hervorgerufen wird durch Verhaltensweisen und Aktivitäten, die mit einem erholsamen Nachtschlaf und voller Funktionsfähigkeit am Tage nicht vereinbar sind“.

Zwangsläufig stellt sich also hier die Frage warum der Schlafgestörte seinen gesunden Schlag so leichtfertig dem eigenen Komfortdenken unterordnet. Wie erklären sich zum einen unsäglicher Leidensdruck der Schlaf-Suchenden und zum anderen das mitunter das gänzliche Fehlen gesunden Menschenverstandes bezüglich zielführender Schlafhygiene? Gesund schlafen-ja, aber mit dem Smartphone auf die abendliche Session „Quizz-Duell“ gegen den Arbeitsekollegen verzichten,- nein.

Über Ronald Nickel

Ronald Nickel - Krankenpfleger (seit 1983) Fachdozent für Anatomie, Physiologie und Psychopathologie. Heilpraktiker für Psychotherapie seit Dez. 2015.
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